"Maria - die Mutter Jesu" von Prädikantin Lisa Stiehler (22. März 2020)

LIEBE GEMEINDE !

M a r i a,  die Mutter Jesu steht heute im Mittelpunkt unserer Gedanken zu den Gestalten der Passionsgeschichte. – Wir Protestanten haben vielleicht ein eher gespaltenes Verhältnis zu ihr, können wir doch so manches an der Heiligenverehrung, wie sie unsere katholischen Brüder und Schwestern praktizieren, nicht immer nachvollziehen. Gerade hier in Bayern, in den Fluren unserer, von katholischer Frömmigkeit geprägten Landschaft, begegnen wir ihren Bildnissen und Statuen beinahe auf Schritt und Tritt.

In unseren bayrisch – barocken Kirchlein und Kirchen, in denen ich immer  wieder Einkehr halte, blickt sie uns lächelnd, wissend, traurig manchmal streng an.Oft als erstaunlich schönes junges Mädchen, manchmal als reife, sinnliche Frau aber auch als mater dolorosa, als Mutter der Schmerzen.
Wieso haben wir eigentlich ein gespaltenes Verhältnis zu dieser Marien-verehrung, deren wir wieder besonders gewahr werden, wenn im Mai allabendlich die Glocken zu den Maiandachten erklingen.
Dabei steht doch in den Bibeln zu lesen und ist in den weihnachtlichen Liturgien und Gesängen folgendes zu hören:
„Der Engel sprach zu Maria: (Ave maria, gratia plena, Dominus tecum, benedicta tu in mulieribus et benedictus fructus ventris tui. )
Gegrüßet seist du, Holdselige, der Herr ist mit dir, g e b e n e d e i t  seist du unter den Weibern, und gebenedeit sei die Frucht deines Leibes.“

Vielleicht kommt ja doch in der Gestalt Marias die freundliche, lichte Seite unseres oft so unerklärlichen, dunklen Gottes zum Tragen und zur Anschauung. Bei meiner Auseinandersetzung mit dieser von Gott auserwählten Frau wuchs bei mir die Verehrung, ja die Zuneigung zu ihr. Selbst Martin Luther sagte von ihr: „Sie ist mir lieb, die werte Magd, sie hat mein Herz besessen... Ich bin ihr hold, und wenn ich sollt groß Unglück han, sie will mich des ergötzen mit ihrer Lieb und Treu an mir und tun all mein Begier.“ Und ebenso ging es den vielen Künstlern, die sich, um Maria bildnerisch darzustellen, mit ihr und ihrem Schicksal auseinandersetzten und dabei Beziehung erfuhren.

Sehen wir uns das Bildnis an, das ein Künstler des 15. Jahrhunderts, nämlich Antonella da Messina, gemalt hat. Wieviel hat er hineingelegt in diesen schicksalsschweren Moment  der Verheißung. Es ist der Moment des Schreckens, Zweifelns und einer distanzierten Verwunderung. Maria ist noch stumm, singen und den Herren loben wird sie erst später, kann sie erst später

Hier schaut sie an uns vorbei, konzentriert und abwartend. Sie hat in einem Buch gelesen und blickt auf. Wer die Symbolik der Mariendarstellungen kennt, weiß, dass das Buch, in dem Maria liest, für ihre Frömmigkeit steht. Sie kennt sich aus in ihrem Glauben. Denn sie stammt, nach Ansicht des Religionswissenschaftlers Schalom Ben-Chorin aus Kreisen eines verarmten Landadels, die Ansprüche einer höheren Geistigkeit pflegten. Und der jüdische Religionswissenschaftler Pinchas Lapide meinte, Maria habe einem jüdischen Milieu angehört, das religiös konservativ und politisch aufsässig war.

Wir wissen, dem Evangelisten  Matthäus zufolge, dass Maria eine junge Frau war, mit dem Zimmermann Joseph verlobt, verwandt mit Elisabeth, die im sechsten Monat schwanger war, als dies geschah, was Maria hier erlebte. Es kommt ein Engel zu der Erschrockenen und kündigt ihr etwas ganz und gar Unglaubliches an: „ Du hast Gnade bei Gott gefunden. Du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, ihm sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden.“

Der Lufthauch des Geistes, der den Engel begleitet, scheint die Seite zu erfassen in dem Buch, das Maria aufgeschlagen hat. Die Botschaft lässt Maria fast erstarren. Sie ist gerade noch fähig, eine eher abwehrende, schützende Hand zu erheben. Deshalb sofort die alles überstrahlenden Worte des Gottesboten: „Fürchte dich nicht!“  Wir, die wir diese Szene hier mit ansehen, wissen mehr, als Maria in diesem Moment. Wir sehen schon das Leben Jesu vor uns, seine Geburt, sein mitmenschliches Wirken, seine große Liebe zu uns, seine tiefe Gottbezogenheit, sein unmenschliches Leiden, – seine wunderbare Auferstehung. – Und wir dürfen immer wieder erfahren,  was das für uns bedeutet!

Maria sieht in diesem Moment sicher anders. Ihr werden die Worte der Propheten gegenwärtig und deren unerschütterlich mahnenden Worte, nicht den Mächtigen der Welt Glauben zu schenken, sondern der Macht des Herrn, des einen Gottes. Sie weiß auch, dass diese Propheten einen Messias angekündigt haben, der als Friedefürst auf dem Thron Davids sitzen soll.
Ihre Fagen dann, wie das mit  i h r  denn gehen soll, zerstreut der Gottesbote mit dem Hinweis auf Gottes Heiligen Geist.
Da sieht Maria die Welt mit anderen Augen. Ihr ist die himmlische Welt Gottes plötzlich näher als die irdische. Und sie kommt in Bewegung. Sie macht sich auf und wandert zu Elisabeth, ihrer Kusine, die wiederum Maria sofort als die  Magd des Herrn erkennt.
Daraufhin kann Maria, alles was sie bewegt hat und ihr klar geworden ist, in Worte fassen und singen. Dieser Gesang der Maria ist das wohl berühmteste Lied des Neuen Testamentes. Er ist so häufig vertont, über alle Jahrhunderte hinweg, wie kaum ein anderer Text der Bibel. (Am berühmtesten sicher das Magnificat von Joh. Seb. Bach.) Dieser Lobgesang der Maria bewegt die Menschen über alle Zeiten, über alle Konfessionen hinweg. Maria singt ihn uns aus einer fernen Welt – und doch ganz nahe: Lk.1,46 – 55 - wir lesen ihn abwechseld heute, als späten PSALM:

                                      Magnifikat

     Meine Seele erhebt den Herrn,
     und mein Geist freut sich Gottes, meines Heilandes;
          denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen.
          Siehe, von nun an werden mich selig preisen
          alle Kindeskinder.
     Denn er hat große Dinge an mir getan,
     der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
          Und seine Barmherzigkeit währt von
          Geschlecht zu Geschlecht
          bei denen, die ihn fürchten.
     Er übt Gewalt mit seinem Arm
     und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
          Er stößt die Gewaltigen vom Thron
          und erhebt die Niedrigen.
     Die Hungrigen füllt er mit Gütern
     und lässt die Reichen leer ausgehen.
          Er gedenkt der Barmherzigkeit
          und hilft seinem Diener Israel auf,
     wie er geredet hat zu unsern Vätern,
     Abraham und seinen Kindern in Ewigkeit.

Gerne wüsste man mehr von ihr, die zu einem solchen Gesang mächtig war, was sie dem Kind Jesus alles mitgegeben hat an innerem Reichtum. Die Evangelien halten sich da eher zurück. Von dem Verhältnis zwischen Sohn und Mutter wird wenig erzählt. Magd des Herrn nennt sie sich ja selbst und bleibt ganz einfach die Frau im Hintergrund der Heilsgeschichte. Trotzdem muss doch auch sie i h n geprägt haben, gerade in Jesu Kindheit.
Da erfährt man nur , wie die Eltern ihn einmal suchten, als er 12 Jahre alt war, weil sie ihn unter anderen Pilgern auf dem Heimweg von Jerusalem nach Nazareth aus den Augen verloren hatten. „Warum habt ihr mich gesucht“? fragt er spröde, als sie ihn endlich, mit großer Erleichterung,  im Tempel fanden Sie schnappen ihn sich aber und er geht brav mit nachhause. 18 Jahre später hat Jesus sein Leben geändert, er arbeitet nicht mehr in der Werkstatt seines Vaters. Er hat sich zu einem Wanderpredigerleben entschieden, zieht mit Jüngern und Jüngerinnen durch das Land und predigt von der großen Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Dabei verkündet er den Anbruch des Himmelreiches. Der Kontakt zu Maria ist nicht abgebrochen.

Ab und zu taucht sie in den Erzählungen der Evangelisten auf. Jesu Art und Weise mit ihr umzugehen ist dabei meist nicht sehr zartfühlend. Bei der Hochzeit zu Kana entfährt ihm der Satz: „Was geht’s dich an, Frau, was ich tue.“ Ein andermal erträgt sie, dass Jesus vor vielen Menschen fragt: „Wer ist meine Mutter und meine Brüder?“ Und legt noch nach mit Blick aufs Volk: „siehe, d a s  sind sie.“
Haben Maria solche Sätze verletzt?

Man erfährt es nicht. Sicher ist aber, dass sie nicht von seiner Seite gewichen ist, als einige Jahre später seine Leidenszeit beginnt. Sicher ist, dass sie ihn nie in Frage gestellt hat.  Sicher ist, dass sie mitgelitten hat, als er festgenommen wurde, und zum Tod am Kreuz verurteilt wurde. Sie war dabei, als er sein Kreuz trug und war dabei,  bei dieser schmerzhaften Hinrichtungsart. Denn die Römer haben aus der Kreuzigung ein öffentliches Schauspiel gemacht. Der zum Tode verurteilte musste sein Hinrichtungswerkzeug durch die Gassen der Stadt Jerusalem bis nach Golgatha tragen, umringt von Schaulustigen. Die Passion Jesu findet nicht im Verborgenen statt, sein Leiden wird öffentlich gemacht. Und die Menschen sehen zu, neugierig oder andächtig, erschüttert oder mit Abscheu, ohne oder mit Mitgefühl.

Auf dem Bild hier …  das den Abschied der Mutter von ihrem Sohn darstellen soll, ist der leidende Jesus für einen Moment unseren Blicken entzogen. Dieses Bild trägt in einer modernen Kreuzwegdarstellung den Titel: „Jesus begegnet seiner Mutter.“ ...Die Prophezeihung Simeons, als er im Tempel damals das neugeborene Jesuskind in seinen Armen wiegte, ist nun wahr geworden, nämlich „dass ein Schwert Marias Seele durchdringen wird.“  

Vielleicht war es ihr nicht nur jetzt, schon manchmal so gewesen, wie wenn ein Schwert durch die Seele dringt, so, wie es allen Müttern dieser Welt bisweilen ergeht, wenn es um ihre Kinder geht. Sei es bei der Sorge um ihre Gesundheit oder ihr Fortkommen, sei es bei  familiärem Kummer oder allgemeinem Unverständnis. Es gibt viele Gründe von Seelenschmerzen. Vielleicht stand ja manchmal so ein Balken zwischen Maria und ihrem Sohn. Er geht hier durch das ganze Bild, der Balken, an dem Jesus sterben wird. Er trennt Mutter und Sohn und -- verbindet sie zugleich. Durch ihn finden sie wieder zusammen. Jesus hat ihn mit zwei Händen fest im Griff diesen Balken. Es ist, als ob Jesus sein Schicksal hier bejaht und annimmt.  – Aber, da ist noch eine andere Hand, die sich sanft auf die seine legt, – die Hand seiner Mutter.

Es sind nur diese Hände zu sehen, alles andere bleibt hinter dem Balken verborgen, so wie es sein sollte, in diesem intimen Augenblick zwischen Mutter und Sohn. Da ist nun diese Hand, – die bei unserem Marienbild vorne sich zunächst wie schützend vor Maria selbst legt, –  nun in der Lage, sich schützend vor ihren Sohn zu legen. Es ist, als wäre der Kreuzweg Jesu für einen Moment unterbrochen. Hier stehen  sich Liebe und Hoffnung gegenüber und werden durchs Kreuz verbunden.

Was hier zwischen Mutter und Sohn geschieht, bleibt ein Geheimnis. Was wir sehen ist eine Geste. Zwei Hände, die sich berühren, mehr braucht es in einem solchen Augenblick auch nicht, als da zu sein für einen anderen – und mit ihm einen Augenblick lang auszuhalten. Da fallen einem die Worte des Jesaja ein, der am Ende seines Buches Gott zitiert mit: „Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“  Maria kann ihrem Sohn das Kreuz nicht abnehmen, aber sie kann Anteil nehmen an seinem Leid und es dadurch erleichtern.

So geschieht es auch heute irgendwo in der Welt. Da wird Leiden geteilt, Trost gespendet, da setzen sich Menschen für andere ein, die sich in Not befinden. Aber es findet hinter dem Kreuz, im Verborgenen statt. Ohne große Aufmerksamkeit, ohne großes Aufsehen. Und doch stetig und unverbindlich. Wie sähe die Welt ohne sie aus, ohne die vielen Marias, die diesen Dienst tun, ohne dass es einer sieht und merkt, manchmal auch nur mit einer kleinen Geste. Jesus sagt dazu: „Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Ich bin nackt gewesen und ihr habt mich gekleidet. Ich bin krank gewesen und ihr habt mich besucht. Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr seid zu mir gekommen: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan!“ –  

Noch ein abschließender Blick auf Maria, der heutigen Person im Passionsgeschehen, wie geht es für sie weiter?
In seinem Leid ist Jesus berührt und besorgt um seine Mutter: „Frau, siehe das ist dein Sohn, sagt er am Kreuz zu ihr; und zu seinem treuen Jünger Johannes, der dabei steht, den er damit ja meint: „Siehe, das ist deine Mutter.“  Von da an kümmert sich der Jünger um Maria. –
Erst nach der Auferstehung rückt Maria wieder in die Aufmerksamkeit der Bibel. Gemeinsam mit den Jüngerinnen und Jüngern ihres Sohnes erlebt sie dessen Himmelfahrt und das Pfingstwunder. Danach, so ist anzunehmen, hat sie in der Urgemeinde mitgelehrt und mitgewirkt. –

Herr, schenke uns die Kraft, die Geduld und das Händereichen der Maria, dort, wo wir auf die Not und das Leid anderer treffen.
Stärke uns im Glauben und schenke uns deinen Frieden, der höher ist, als all unsere menschliche Vernunft.“     Amen

LIED: In dir ist Freude, in allem Leide   die Nr. 398

Bild 1 - "Maria Verkündigung", Antonello da Messina, 1475, Museo Nazionale Palermo
Bild 2 - aus dem Stundenbuch des Herzogs von Berry, 15 Jhd
Bild 3 - "Jesus begegnet seiner Mutter", Sieger Köder (1926-2015), Kreuzwegstation in St. Stephanus zu Wasseralfingen